In offiziellen Statistiken wird oft behauptet, dass Erneuerbare Energien fossile Brennstoffe hocheffizient ersetzen können, da keine Abwärme verloren geht. Doch dieser „Primärenergie-Irrtum“ lässt wesentliche Faktoren außer Acht, die für die Bewertung der Netto-Energieeffizienz entscheidend sind. Teil 3 unserer Artikelserie zur Energiewende von Gastautor Dr. Lars Schernikau.
Gastbeitrag von Dr. Lars Schernikau
Was ist der „Primary Energy Fallacy„? Der Begriff Primary Energy Fallacy (Primärenergie-Trugschluss) beschreibt die Fehlannahme, dass man Primärenergie (die Energiequelle in der Natur) direkt mit Endenergie (dem Strom aus der Steckdose) gleichsetzen kann, ohne das gesamte System zu betrachten. Befürworter argumentieren oft, dass Kohlekraftwerke 60 Prozent ihrer Energie als Wärme in die Atmosphäre blasen, während Solarpanels „direkt“ Strom erzeugen.
Wer so argumentiert, übersieht aber etwas Wesentliches: Um aus unstetem Sonnenlicht und Wind nutzbaren, netzfähigen Strom zu machen (Spannung, Frequenz, Phase), müssen enorme Mengen Energie und Kapital in Zusatzsysteme wie Wechselrichter, Stromnetze und Speicher investiert werden. Diese „graue Energie“, also der energetische Aufwand für Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung, wird in herkömmlichen Effizienzrechnungen oft ignoriert. Das ist der Primärenergie-Irrtum.
EROI: Die wahre Währung der Energie
Die entscheidende Kennzahl für den Wohlstand einer Gesellschaft ist der EROI (Energy Return on Investment), die auch als Netto-Energieeffizienz oder energetische Ernterate bezeichnet werden kann. Sie gibt an, wie viel Einheiten Energie man investieren muss, um eine Einheit nutzbare Energie zu gewinnen – und das über den gesamten Lebenszyklus eines Energieerzeugers bzw. -kraftwerks. Schernikau argumentiert, dass der EROI von Wind und Solar auf Systemebene (inklusive Backup, Netzausbau und Speicher) deutlich niedriger liegt als der von konventionellen Quellen wie Kernkraft oder Gas. Ein sinkender EROI einer Gesellschaft bedeutet langfristig weniger verfügbares Kapital für Bildung, Gesundheit und Forschung.
Hohe Netto-Energieeffizienz sichert Wohlstand
Die Energiewende ist kein einfacher Austausch von „schmutziger“ gegen „saubere Energie“, sondern ein Übergang zu einem komplexeren, systemintensiveren Modell. Wer auf die langfristige Entwicklung der Märkte setzt, sollte verstehen, dass die statistische Effizienz von E-Autos und erneuerbaren Energieträgern nur die halbe Wahrheit ist. Nur eine hohe Netto-Energieeffizienz sichert auf Dauer das industrielle Wachstum und den Wohlstand einer Gesellschaft.
Originalbeitrag: Das Problem mit der “Primary Energy Fallacy” – Die versteckten Kosten der Stromerzeugung unserer Zivilisation
Hier geht es zu
Teil 1: Die Milliarden-Illusion: Warum die Kosten der Energiewende oft unterschätzt werden
Teil 2: Wind und Solar: Physikalische Grenzen und ökonomische Folgen

© hms-ag.com
Über den Autor
Dr. Lars Schernikau ist Energiewirtschaftler, Unternehmer, Rohstoffhändler und Autor. Ausgebildet an der New York University in den USA, INSEAD in Frankreich und der TU Berlin in Deutschland, hat er zwei Jahrzehnte lang mit Rohstoffen in Asien, Europa, Afrika und Nordamerika gearbeitet. Zuvor arbeitete er für die Boston Consulting Group in den USA und in Deutschland.
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