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Insolvenzwelle in Deutschland: Vorerst keine Besserung

von Holger Clemens Hinz
Eine Insolvenzwelle türmt sich auf, immer mehr Unternehmen geben auf

In den letzten Monaten hat sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland merklich angespannt. Was sich bereits Ende 2024 abzeichnete, hat sich im Jahr 2025 verfestigt: Eine Insolvenzwelle türmt sich auf. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen ist auf den höchsten Stand seit rund zehn Jahren gestiegen.

Von Holger Clemens Hinz

Aktuelle Daten des Statistischen Bundesamtes (Destatis), des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) und von Creditreform zeichnen ein deutliches Bild einer Wirtschaft in der Strukturkrise. Laut den endgültigen Zahlen von Destatis stieg die Zahl der Unternehmensinsolvenzen im Jahr 2025 um 10,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf insgesamt 23.900 Fälle. Besonders alarmierend ist die Dynamik: Allein im Dezember 2025 lag das Plus bei 13,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat.

Das IWH bestätigt diesen Trend und weist darauf hin, dass im ersten Quartal 2026 mit 4.573 insolventen Personen- und Kapitalgesellschaften (ohne Kleinstunternehmen) mehr Insolvenzen gemeldet wurden als in den 20 Jahren zuvor. Der Wert liege sogar höher als im Höhepunkt der Finanzkrise 2009. Neue Daten für den April 2026 zeigen zudem, dass sich die Insolvenzwelle weiter auftürmt. Die 1.776 Insolvenzen vom April übertrafen den Vorjahresmonat nochmal um zehn Prozent und sind damit auf den höchsten Wert seit April 2005 gestiegen. Im Vergleich zu einem durchschnittlichen April der Jahre 2016 bis 2019, also in den Jahren vor der Corona-Pandemie, liegt die aktuelle Zahl um 82 Prozent höher.

Besonders betroffen seien die Bereiche Hotel und Gastronomie sowie im Grundstücks- und Wohnungswesen. Beim Handel und bei Dienstleistungen wurden neue Rekordwerte nur knapp verhindert. Selbst bei den Verbrauchern ist die Belastung gestiegen: Die Privatinsolvenzen nahmen 2025 um 8,4 Prozent auf mehr als 77.000 Fälle zu. Im April sind allein durch die größten Insolvenzen (zehn Prozent aller Insolvenzen) knapp 20.000 Arbeitsplätze betroffen. Die Zahl der von Insolvenz betroffenen Arbeitnehmer lag im April 39 Prozent über dem Wert des Vorjahresmonats.

Die Ursachen der Insolvenzwelle: Ein toxischer Mix

Der Anstieg der Insolvenzen ist kein Zufall, sondern das Ergebnis mehrerer Faktoren, die gleichzeitig auf die Unternehmen einwirken:

  • Strukturelle Probleme: Hohe Energiekosten und eine dichte Regulierung belasten die Wettbewerbsfähigkeit, insbesondere im produzierenden Gewerbe. Der Iran-Krieg hat über gestiegene Weltmarktpreise für Öl und Gas die Energiekosten zusätzlich in die Höhe getrieben, zudem sorgen gestörte Lieferketten für viele Probleme.
  • Nachholbedarf: Während der Corona-Pandemie hielten staatliche Hilfen viele Betriebe künstlich am Leben. Viele dieser „Zombie-Unternehmen“ rutschen nun in die Insolvenz.
  • Zinswende: Die gestiegenen Zinsen verteuern Kredite und Refinanzierungen massiv. Unternehmen mit geringer Eigenkapitalquote geraten hier zuerst unter Druck. Die Kreditvergabe der Banken ist weiterhin sehr restriktiv.
  • Schwache Nachfrage: Die anhaltende Konsumzurückhaltung trifft vor allem den Handel und das Gastgewerbe. Die Unsicherheit über die weitere wirtschaftliche Entwicklung ist für Verbraucher ebenso wie für Investoren der Hauptgrund, Ausgaben zu vermeiden oder zumindest zu verschieben.

Gebeutelte Branchen, riesige Forderungsausfälle

Die Analyse nach Branchen und Größenklassen zeigt, dass die Krise sehr spezifische Schwerpunkte hat.

Besonders hart trifft es den Sektor Verkehr und Lagerei. Laut Destatis gab es hier 2025 mit 133 Fällen je 10.000 Unternehmen die höchste Insolvenzhäufigkeit. Es folgen das Gastgewerbe (108 Fälle) und das Baugewerbe (104 Fälle). Auch die Industrie (Verarbeitendes Gewerbe) verzeichnete einen deutlichen Zuwachs bei den betroffenen Arbeitsplätzen, da hier vermehrt größere Betriebe aufgeben mussten.

Zwar finden „Promi-Pleiten“ wie die von Galeria oder FTI oft den Weg in die Schlagzeilen, doch das IWH betont, dass sich das Geschehen weit überwiegend im kleinbetrieblichen Bereich abspielt. Die mittlere Größe der insolventen Firmen liegt bei etwa zehn Beschäftigten. Dennoch ist der Schaden für die Gläubiger immens: Creditreform schätzt die Forderungsausfälle allein für das erste Halbjahr 2025 auf rund 33,4 Milliarden Euro.

Regional gesehen sind vor allem die wirtschaftlich starken Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg sowie Berlin von hohen Fallzahlen betroffen.

Globale Insolvenzwelle: Der Blick über die Grenzen

Deutschland ist nicht allein von der Insolvenzwelle betroffen, allerdings als exportorientierte Volkswirtschaft stärker als andere. Global stieg der Insolvenzindex laut Analysen von Allianz Trade im Jahr 2024 um zehn Prozent und 2025 um sechs Prozent. In Westeuropa ist Deutschland einer der Treiber dieser Entwicklung, hier nahmen die Insolvenzen 2025 sogar um zehn Prozent zu. Allianz Trade erwartet nach drei Monaten Krieg im Iran nun für 2026 eine weltweite Zunahme der Insolvenzen um weitere sechs Prozent – vorausgesetzt, die Blockade der Straße von Hormus endet im Juni. Ohne den Iran-Krieg wäre demnach mit einem Rückgang der Insolvenzzahlen zu rechnen gewesen. Auch für Deutschland rechnen die Allianz-Experten daher mit einer weiteren Zunahme der Insolvenzen um zwei Prozent. Demnach sollen erst 2027 die Zahl der Insolvenzanträge wieder abnehmen. Die noch unklare Entwicklung der Zinsen und geopolitische Unsicherheiten zwingen Unternehmen weltweit in den „Wartemodus“, was fragile Firmen an den Rand des Abgrunds drängt.

Fazit: Keine schnelle Entspannung in Sicht

Unter dem Strich erwarten die Insolvenzforscher für das erste Halbjahr 2026 weiterhin hohe Zahlen. Erst wenn die Inflation dauerhaft sinkt und die Zinsen spürbar nachgeben, könnte eine Entspannung eintreten. Für Unternehmen bedeutet dies: Effizienz steigern und Liquidität sichern sind die Gebote der Stunde, um in diesem schwierigen Fahrwasser zu bestehen.

Über den Kapitalmarkt-Blog:

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Holger Clemens Hinz
Leiter Kapitalmarktgeschäft

holger.hinz@quirinprivatbank.de

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