Die Verschiebung des KNDS-Börsengangs und der holprige Start von SpaceX an der Nasdaq verdeutlichen eine neue Realität: Selbst Unternehmen mit Rekordaufträgen und Milliardenerlösen scheitern daran, Investoren von ihren Bewertungsvorstellungen zu überzeugen. Das IPO-Fenster hat sich 2026 spürbar verengt, das Umfeld für Börsengänge spürbar gelitten.
Am 2. Juli 2026 zog der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS die Reißleine. Der Hersteller des Leopard-2-Panzers hat die geplante Doppelnotierung in Frankfurt und Paris auf unbestimmte Zeit vertagt. Als Begründung nannte das Unternehmen die Börsenvolatilität im europäischen Rüstungssektor.
KNDS-Rückzug verschlechtert das Umfeld für Börsengänge
Dabei waren die Vorzeichen für die Rüstungsaktie zuvor gut: KNDS erzielte 2025 einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro, wies einen Auftragsbestand von 33,1 Milliarden Euro aus und generierte einen freien Cashflow von 980 Millionen Euro. Das Problem liegt auf vielmehr der Bewertungsseite. Laut Financial Times gelang es KNDS nicht, institutionelle Investoren von einer Bewertung oberhalb von 12 Milliarden Euro zu überzeugen – angestrebt waren rund 15 Milliarden Euro. Das Handelsblatt berichtet, die bisherigen Eigentümer von KNDS, die Familien Bode und Braunbehrens, die zusammen ebenso wie der französische Staat 50 Prozent der Anteile an KNDS halten, hätten mindestens eine Bewertung von 12,5 Milliarden Euro erwartet. Weil die aber unerreichbar erschien, haben sich die Familieneigentümer gegen das geplante Börsendebüt ausgesprochen. Auch der geplante hohe Staatsanteil von 80 Prozent nach IPO, zu gleichen Teilen auf Deutschland und Frankreich verteilt, machte Investoren misstrauisch.
KNDS erinnert historisch aufgrund der hohen Staatsbeteiligung an den IPO der Postbank AG – Wunsch und Wirklichkeit von Eigentümer und Investoren passten nicht übereinander. Als warnendes Beispiel kann die tschechische Munitionshersteller Czechoslovak Group (CSG) dienen, deren Aktie seit dem Börsengang im Januar 2026 um rund 44 Prozent gefallen ist und deren Marktkapitalisierung um mehr als 11 Milliarden Euro einbrach. Hinzu kamen Kursabschläge bei den Aktien des Düsseldorfer Rüstungskonzerns Rheinmetall. Am Tag der Börsenankündigung von KNDS wurde bekannt, dass der Bund den Bau einer neuen Fregattengeneration stoppt und Rheinmetall einen Milliardenauftrag verliert. In der Folge verloren Rheinmetallaktien zweitweise mehr als 50 Prozent. Daneben belasteten zusätzlich auch Diskussionen über die bestehenden Lieferketten und Fähigkeit der Einhaltung von Lieferfristen den Sektor.
Der SpaceX-Effekt erhöht Unsicherheit und schmälert Vertrauen
Der größte Börsengang der Geschichte hätte als Signal für einen florierenden IPO-Markt dienen sollen. SpaceX debütierte am 12. Juni 2026 an der Nasdaq mit einem Erlös von 75 Milliarden Dollar bei einer Bewertung von 1,77 Billionen Dollar. Der Kurs stieg am ersten Handelstag von 135 auf 161 Dollar. Doch die Euphorie hielt nicht an: Nach einem Intraday-Hoch von über 225 Dollar fiel die Aktie bis Anfang Juli auf rund 153 Dollar zurück.
Bereits im Vorfeld hatte SpaceX seine Bewertungserwartung schrittweise nach unten korrigiert – von über 2 Billionen Dollar auf schließlich 1,75 Billionen Dollar. Dennoch erschien selbst diese Bewertung einigen Analysten immer noch deutlich zu hoch. Der Kursverlauf nach dem Listing hat weitreichende Folgen: Meldungen zufolge erwägt der KI-Anbieter OpenAI (ChatGPT), seinen geplanten Börsengang auf 2027 zu verschieben. Anthropic, das am 1. Juni 2026 einen vertraulichen S-1-Antrag bei der SEC eingereicht hatte (bei einer Bewertung von 965 Milliarden Dollar nach einer 65-Milliarden-Dollar-Finanzierungsrunde), hält bislang am Ziel eines Listings im Herbst 2026 fest. Doch mit zunehmendem Druck auf die Kurse der Technologie- und KI-Branche wird eine IPO-Verschiebung immer wahrscheinlicher. Die Unsicherheit wächst, das Umfeld für Börsengänge trübt sich weiter ein.
Breite Verschiebungswelle bei geplanten IPOs seit Jahresbeginn
Die Daten von EY bestätigen den Trend: Im ersten Quartal 2026 sank die Zahl der Börsengänge weltweit um 23 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal und auf das niedrigste Niveau seit sechs Jahren. Geopolitische Spannungen, insbesondere die Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine, hätten IPOs verzögert oder Emittenten gezwungen, unterhalb ihrer Zielbewertungen zu preisen.
Während Eigentümer und Sponsoren an Bewertungen aus der Hochphase festhalten, preisen Investoren geopolitische Risiken, steigende Kapitalkosten und schwache Sekundärmarktperformance zunehmend ein. Dass sich eine IPO-Verschiebung auszahlen kann, hat der Präzedenzfall des deutschen Panzergetriebeherstellers Renk gezeigt. Der hatte wegen des schwierigen Marktumfelds seinen Börsengang 2023 zunächst verschoben, schaffte aber nur vier Monate später erfolgreich den Sprung aufs Parkett. Ein anderer Analyst glaubt hingegen nicht an eine Erholung der Unternehmensbewertungen in nur wenigen Monaten und hält einen IPO mit einer möglichen Bewertung von 12 Milliarden Euro noch vor der Sommerpause für die bessere Alternative. Die nächste realistische Gelegenheit für KNDS sehen die meisten Beobachter frühestens im September 2026. Doch ob sich das Fenster bis dahin öffnet, hängt davon ab, ob sich die europäischen Rüstungsaktien stabilisieren und ob die Mega-IPOs der Tech-Branche das Vertrauen wiederherstellen können.
Über den Kapitalmarkt-Blog:
Hier schreiben die Kapitalmarktexperten der Quirin Privatbank über die deutsche Wirtschaft und alles, was den heimischen Mittelstand bewegt. Das erfahrene Team der Quirin Privatbank hat die Entwicklungen rund um die Mittelstandsfinanzierung immer im Blick und zeigt auf, welche alternativen Finanzierungsformen für KMU interessant sind.

