Seit seinem Start im März 2017 hat sich das Börsensegment Scale im Freiverkehr der Deutschen Börse für die Finanzierung kleiner und mittlerer Unternehmen (KMU) zunehmend etabliert. Das Interesse der Unternehmen und Investoren ist zuletzt deutlich gewachsen. Dabei hatte allerdings der Gesetzgeber auch seine Hand im Spiel. Ein Blick hinter die Kulissen.
Der Vorgänger des Scale-Segments, der Entry Standard, hatte über die Jahre an Reputation verloren. Zu geringe Transparenzanforderungen und einige prominente Unternehmenspleiten hatten nachhaltig am Vertrauen der Anleger gerüttelt. Mit der Einführung von Scale im Jahr 2017 vollzog die Deutsche Börse eine strategische Neuausrichtung: weg von einem reinen Einsteiger-Segment hin zu einer qualitätsgeprüften Plattform für ambitionierte KMU. Der entscheidende Unterschied liegt in den strengeren, aber für den Mittelstand maßgeschneiderten Regeln. Und die hat der Gesetzgeber vor kurzem geändert.
Klare Regeln schaffen Vertrauen
Eine Notierung im Scale-Segment ist an feste Voraussetzungen und Folgepflichten geknüpft, die Transparenz und Qualität sicherstellen. Zu den wichtigsten Notierungsvoraussetzungen gehören ein mindestens zweijähriges Bestehen des Unternehmens, positive Finanzkennzahlen, eine erwartete Marktkapitalisierung von mindestens 30 Millionen Euro und die verpflichtende Begleitung durch einen von der Deutschen Börse zugelassenen Capital Market Partner, der das Unternehmen prüft und zur Seite steht.
Die Folgepflichten sind klar definiert: Der Capital Market Partner hat mindestens einmal jährlich einen aktuellen Research-Bericht zum Unternehmen zu veröffentlichen, das Unternehmen benötigt einen testierten Jahresabschluss sowie einen Halbjahresfinanzbericht und muss mindestens einmal im Jahr eine Analystenkonferenz ausrichten.
Damit sind die Anforderungen deutlich geringer als im streng regulierten Prime Standard – zum Beispiel sind Quartalsberichte nicht nötig – aber deutlich höher als im früheren Entry Standard. Das schafft einen verlässlichen Rahmen für Investoren.
Etabliertes Freiverkehrssegment für Auf- und Absteiger
Seit dem Start haben die rund 50 gelisteten Unternehmen mehrere Milliarden Euro an Wachstumskapital aufgenommen. Der zugehörige Scale All Share Index zeigt nach einer volatilen Anfangsphase zuletzt eine beeindruckende Stärke und kletterte auf neue Höchststände, was das gestiegene Interesse der Anleger widerspiegelt.Die Marktkapitalisierung im Scale All Share Index summiert sich auf rund 8,5 Milliarden Euro. Zu den Schwergewichten zählen etwa die Nürnberger Beteiligungs AG der Nürnberger-Versicherungsgruppe, der Energietechnik-Spezialist 2G Energy, der Software-Anbieter Mensch und Maschine oder die Deutsche Rohstoff AG. Die IBU-tec advanced materials AG war 2017 das erste Unternehmen, das den Schritt in das neue Segment wagte. Das Unternehmen notiert bis heute im Scale-Segment.
Gleichzeitig dient Scale als Sprungbrett für größere Märkte. Prominente Beispiele sind der Online-Modehändler ABOUT YOU oder der Finanztechnologie-Konzern Hypoport, die beide nach einer Zeit in Scale in den SDAX beziehungsweise MDAX aufstiegen. Umgekehrt zeigt der Fall der Cenit AG, die kürzlich vom Prime Standard in Scale wechselte, dass das Segment aus Effizienz- und Kostengründen auch eine attraktive Alternative für etablierte Unternehmen sein kann.
Das Standortfördergesetz als heimlicher Wachstumstreiber
Dass sich der Kurszettel in jüngster Zeit weiter füllte, hat allerdings weniger mit der Attraktivität des Börsensegments zu tun, sondern ist vielmehr die Folge einer weitreichenden Gesetzesänderung, die das Segment quasi über Nacht neu positioniert hat.
Der eigentliche Katalysator für den jüngsten Boom ist das Standortfördergesetz (StaFöG). Bis zu dessen Inkrafttreten war der Wechsel aus einem regulierten Marktsegment in den Freiverkehr – ein sogenanntes „Downlisting“ – für Unternehmen oft mit einem kostspieligen Pflichtangebot an die Aktionäre verbunden. Diese Hürde aus dem Wertpapierübernahmegesetz (WpÜG) ist nun gefallen.
Unternehmen, die den Aufwand und die Kosten einer Notierung im Regulierten Markt scheuen, können jetzt ohne ein solches Erwerbsangebot in ein qualifiziertes Freiverkehrssegment wechseln. Wie die Rechtsexperten Andreas Zanner und Ingo Wegerich in einem Interview zum Thema „Downlisting“ erläutern, hat diese Regelung Scale quasi zu einem alternativlosen Ziel für wechselwillige Gesellschaften gemacht. Erleichterte Anforderungen an die Berichterstattung und der Ausstieg aus den strengen WpÜG-Vorschriften machen den Schritt zusätzlich attraktiv. Das führt im Ergebnis zu einem erheblichen, wenn auch etwas unfreiwilligen Zuwachs.
Sammelbecken für den Börsenabschied oder Sprungbrett für den Aufstieg?
Diese Entwicklung wirft eine entscheidende Frage für die Zukunft des Segments auf: Entwickelt sich Scale zu einem Sammelbecken für Unternehmen, die sich tendenziell auf dem Rückzug von der Börse befinden? Die Befürchtung liegt nahe, dass sich hier primär Gesellschaften versammeln, die den strengeren Transparenz- und Regulierungsanforderungen der Hauptsegmente nicht mehr genügen wollen oder können. Für die Reputation und die Qualität eines Marktsegments wäre das langfristig eine bedenkliche Entwicklung.
Gleichzeitig wäre es zu kurz gegriffen, Scale pauschal als „Auffangbecken“ abzustempeln. Die jüngere Vergangenheit zeigt nämlich auch ein anderes Bild: Mit den Börsengängen von Unternehmen wie Gabler, SMAG oder Pfisterer hat das Segment bewiesen, dass es nach wie vor eine attraktive Plattform für ambitionierte, neue Emittenten sein kann. Üblicherweise erreichen IPOs auf Scale ein Emissionsvolumen im zweistelligen Millionenbereich. Die Pfisterer Holding SE, ein führender Hersteller von Verbindungstechnik für Energienetze, konnte nach seinem Börsendebüt im Scale-Segment jedoch fast 190 Millionen Euro einsammeln. Zudem hat das Unternehmen eine Marktkapitalisierung von rund 1,3 Milliarden Euro erreicht und ist bereits der zweitgrößte Wert im Scale All Share Index. Derartige IPOs sind ein wichtiges Zeichen dafür, dass Scale nicht als „Abstellgleis“ dient, sondern auch ganz im Gegenteil als Sprungbrett für aufstrebende Firmen funktioniert.
Letztlich hängt die Zukunft von Scale davon ab, ob es gelingt, eine gesunde Balance zu finden. Die durch das StaFöG induzierte Nachfrage sichert dem Segment kurzfristig Relevanz und Geschäft. Um aber nachhaltig ein Erfolgsmodell zu sein, muss es aber weiterhin echte Wachstumsgeschichten anziehen und für Anleger ein qualitativ überzeugendes Umfeld bieten. Nur dann erhalten KMU einen verlässlichen Zugang zu Wachstumskapital mit moderaten Pflichten und Kosten, und Investoren bekommen im Gegenzug die Chance, transparent und qualitätsgesichert in die nächste Generation deutscher Erfolgsunternehmen zu investieren.
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