Der erste Handelstag eines Börsenneulings ist oft von Euphorie und kräftigen Kursgewinnen geprägt. Doch die wahre Bewährungsprobe für das Unternehmen und seine Aktie beginnt erst danach. Langfristig zeigt sich im typischen IPO-Zyklus ein ernüchterndes Bild, das sich in vier Phasen unterteilen lässt – eine Achterbahnfahrt für Anleger und Unternehmen.
Ein Börsengang (Initial Public Offering, IPO) ist für ein Unternehmen ein Meilenstein – und für Anleger die Chance, von Anfang an dabei zu sein. Die Hoffnung auf schnelle Gewinne lockt, und nicht selten schießt der Kurs am ersten Handelstag in die Höhe. Doch wie nachhaltig ist dieser Erfolg? Das richtige Umfeld für Börsengänge ist zwar wichtig, doch selbst bei den am meisten erwarteten IPOs der Welt, wie zuletzt beim Börsengang von SpaceX, gehören Höhenflüge und Kurseinbrüche oftmals dazu.
Tatsächlich belegen zahlreiche wissenschaftliche Studien, allen voran die Arbeiten des renommierten Finanzprofessors Jay Ritter, seit Jahrzehnten ein Phänomen, das als „IPO-Underperformance-Puzzle“ bekannt ist. Auf Sicht von drei bis fünf Jahren entwickeln sich demnach die meisten IPO-Aktien in einem IPO-Zyklus, der im Wesentlichen aus vier Phasen besteht:
IPO-Zyklus Phase 1: Die Flitterwochen – Hype und Kursfeuerwerk
Die erste Phase direkt nach dem Börsengang ist oft die schönste. Das mediale Interesse ist groß, die Story des Unternehmens klingt vielversprechend und die Nachfrage übersteigt das anfangs knappe Angebot an Aktien. Dieses Zusammenspiel führt häufig zu einem „IPO-Pop“, einem deutlichen Kursanstieg am ersten Handelstag. Die Stimmung ist euphorisch, und die ursprünglichen Investoren feiern ihre Papiergewinne. In dieser Phase wird die Aktie weniger von fundamentalen Kennzahlen als vielmehr von Fantasie und der Hoffnung auf eine goldene Zukunft getrieben. Es kann aber auch eine Phase hoher Volatilität sein, wenn der Streubesitz nur gering ist und die Spekulationen rund um das Unternehmen allzu wild werden.
Phase 2: Der Kater – Ende der Haltefristen
Auf die Party folgt nicht selten der Kater. Etwa drei bis zwölf Monate nach dem IPO endet für viele Altaktionäre und Mitarbeiter die Haltefrist, die sogenannte Lock-up Period. Bis zu diesem Zeitpunkt war es ihnen vertraglich untersagt, ihre Anteile zu verkaufen. Fällt diese Sperre weg, kann plötzlich eine große Zahl an Aktien auf den Markt kommen. Frühe Investoren und Insider dürfen nun ihre Aktien verkaufen, wodurch das Angebot steigt und der Kurs unter Druck gerät, weil die Euphorie zu diesem Zeitpunkt oft schon deutlich abgekühlt ist. Für viele Papiere beginnt hier eine schmerzhafte Talfahrt.

Phase 3: Das Tal der Tränen – Der Realitätscheck
In der dritten und oft längsten Phase im IPO-Zyklus muss das Unternehmen beweisen, dass es sein Geschäftsmodell auch als börsennotierte Gesellschaft erfolgreich umsetzen kann. Der Fokus der Anleger verschiebt sich nun von der Zukunftsvision auf harte Fakten: Umsatzwachstum, Profitabilität und die Erreichung der prognostizierten Ziele. Anders ausgedrückt rücken nun die Fundamentaldaten in den Fokus, und die Psychologie bzw. Euphorie des Börsengangs spielt kaum noch eine Rolle. Im Grunde ist es eine Normalisierungsphase für die Aktie, für das Unternehmen jedoch eine operative Herausforderung und eine Bewährungsprobe. Wenn die Quartalsberichte enttäuschen, die Wachstumsraten sinken und das Management unter Druck gerät, benötigen Unternehmen erst einmal Zeit, um gegenzusteuern und um auf den Wachstumspfad zurückzukehren. Solange dümpelt die Aktie vor sich hin und testet die Geduld der verbliebenen Investoren – oft über Monate oder gar Jahre. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen.
Phase 4: Die Reifeprüfung – Angekommen am Kapitalmarkt
Längst nicht alle Unternehmen meistern das Tal der Tränen erfolgreich. Wer es schafft, geht aber oft gestärkt daraus hervor. In der vierten Phase des IPO-Zyklus hat sich das Unternehmen am Markt etabliert, erzielt stabile Gewinne und hat das Vertrauen der Investoren zurückgewonnen. Die Aktie ist nun eine „gestandene“ Aktie (Seasoned Equity), deren Kurs sich wieder an den fundamentalen Daten und der allgemeinen Marktentwicklung orientiert. Kursbewegungen werden primär durch Quartalsberichte, Gewinnmeldungen, Wachstumsraten und Markttrends gespeist. Aus dem spekulativen Hoffnungsträger von einst ist dann ein solides Investment geworden.
Fazit zum IPO-Zyklus
Die Investition in einen Börsengang ist kein Garant für schnelle Kursgewinne. Sie erfordert vielmehr eine tiefgehende Analyse des Geschäftsmodells, einen langen Atem und starke Nerven, um die volatilen Phasen nach dem IPO zu überstehen. Doch nach dieser Durststrecke ist der Weg oftmals frei für Anleger und das Unternehmen, um vom langfristigen Aufwärtsdrang der Börse und den Chancen am Kapitalmarkt zu profitieren.
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