Home FinanzierungGeplante IPOs in Europa: Zwischen deutschem Defense-Boom und US-Rekorden im KI-Hype

Geplante IPOs in Europa: Zwischen deutschem Defense-Boom und US-Rekorden im KI-Hype

von Lieselotte Hasselhoff
IPOs in Europa: London hat die meisten Börsenkandidaten

Das globale IPO-Fenster stand im zweiten Quartal 2026 weit offen und bescherte dem Markt dank des Jahrhundert-Börsengangs von SpaceX ein Rekordvolumen. Doch unter der glänzenden Oberfläche verschieben sich die Gewichte. Während die USA dominieren, zeigt sich in Europa ein gemischtes Bild, in dem Deutschland vor allem durch eine unerwartete Stärke im Verteidigungssektor punktet, aber im Rennen um die großen Tech-IPOs ins Hintertreffen zu geraten droht.

Von Holger Clemens Hinz

Ein Blick auf die globalen Zahlen zeigt eine massive Verschiebung: Während die Anzahl der weltweiten Börsengänge im ersten Halbjahr 2026 leicht auf 483 sank, verdreifachte sich das Emissionsvolumen auf beeindruckende 186,8 Milliarden US-Dollar. Haupttreiber dabei war das größte IPO aller Zeiten von SpaceX in den USA mit 86,2 Milliarden US-Dollar Emissionsvolumen. Der Mega-Börsengang ist Beleg für die enorme Investitionsbereitschaft am US-Kapitalmarkt, bremst aber gleichzeitig die IPO-Aktivität vieler anderer Kandidaten, die von geopolitischen Unsicherheiten verunsichert oder weniger attraktiv sind als das Raumfahrt-KI-Konglomerat von Elon Musk.

Investoren sind zwar weiterhin bereit, Wachstum zu finanzieren, agieren mittlerweile aber deutlich selektiver als in den frühen Boomphasen der KI-Konzerne. Ein „KI-Label“ hinter den IPO-Kandidaten zu präsentieren reicht nicht mehr aus. Gefragt sind vielmehr Unternehmen mit belastbaren Geschäftsmodellen und klaren Wachstumsperspektiven in Sektoren wie KI-Infrastruktur, Energieversorgung, Halbleiter und Verteidigung. Das Kapital konzentriert sich primär auf große, gut vorbereitete Firmen.

Deutschland: Gutes Momentum dank des Defense-Sektors

Für den deutschen Markt war das erste Halbjahr 2026 überraschend stark. Die Anzahl der Börsengänge verdoppelte sich im Vergleich zum Vorjahr, und das Emissionsvolumen stieg auf rund 744 Millionen Euro. Auffällig ist hierbei eine klare Sektorwette: Drei der vier IPOs an der Frankfurter Börse (darunter Electrovac, Gabler und Vincorion) stammen aus dem Verteidigungs- und Sicherheitsbereich. Die gut gefüllten Auftragsbücher dieser Unternehmen schaffen ein attraktives Umfeld, das von der allgemeinen Marktvolatilität abgekoppelt scheint.

Mit dem angekündigten Dual-Listing des deutsch-französischen Panzerherstellers KNDS steht ein weiterer gewichtiger Kandidat aus diesem Sektor in den Startlöchern. Der Ausblick bleibt daher vorsichtig optimistisch –  mit einem Potenzial von bis zu zehn Börsengängen für das Gesamtjahr.

Europas Tech-Lücke und der Fall SumUp

Trotz des positiven Momentums in Deutschland offenbart der Blick auf Europa eine strategische Schwachstelle. Denn gemessen an der Zahl der IPO-Kandidaten wird auch die nächste IPO-Welle stark von KI-Unternehmen geprägt sein, 72 von insgesamt 87 IPO-Kandidaten in Europa zählen zum KI-Sektor. Allerdings verfügen bei IPOs in Europa Großbritannien (37,5 Prozent) und Frankreich (18,1 Prozent) über die längsten Kandidatenlisten in diesem Bereich. Deutschland liegt bei der Anzahl potenzieller KI-Börsenkandidaten mit nur 8,3 Prozent deutlich zurück.

Der Fall des Fintechs SumUp verdeutlicht das Dilemma. Der von deutschen Gründern aufgebaute, aber in London ansässige Zahlungsdienstleister, wird als heißer IPO-Kandidat mit einer möglichen Bewertung von bis zu 15 Milliarden US-Dollar gehandelt. Nachdem zuvor ein US-Listing im Raum stand, bevorzugt SumUp inzwischen einen Börsengang in Europa und hat Banken eingeladen, Vorschläge für die Transaktion zu unterbreiten. Dass Frankfurt für ein so prominentes Tech-Unternehmen mit deutschen Wurzeln offenbar nicht die erste Wahl ist, sollte ein Weckruf sein. London lockt weiterhin mit einem tiefen Kapitalpool und einem Ökosystem, das auf Tech-Werte spezialisiert ist, sich jedoch seit dem Brexit der europäischen Regulierung und den Bestrebungen nach einer europäischen Kapitalmarktunion entzieht.

Weckruf für Deutschland, Chance für IPOs in Europa

Die Entwicklung zeigt: Deutschland ist stark in traditionellen Industrien und profitiert vom aktuellen Defense-Momentum. Im globalen Wettbewerb um die wachstumsstarken Technologie- und KI-Unternehmen droht der Standort jedoch den Anschluss zu verlieren. Der Pool an börsenreifen Unternehmen in Europa schrumpft, was den Wettbewerb der Finanzplätze innerhalb Europas weiter verschärft. In Frankfurt wechseln auch zunehmend börsennotierte Unternehmen aus der ersten Börsenliga mit Dax, MDax und SDax in das Freiverkehrssegment Scale. Dadurch profitieren sie von geringeren Kosten und Berichtspflichten, verzichten aber auch auf Sichtbarkeit.

Hier liegt die große Chance einer echten europäischen Kapitalmarktunion. Anstelle zunehmend harter Konkurrenz zwischen den Börsenplätzen entstünde ein integrierter und harmonisierter Kapitalmarkt, der Liquidität bündeln und den grenzüberschreitenden Zugang zu Kapital erleichtern könnte. Er könnte auch Europas Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA stärken und sicherstellen, dass aufstrebende Unternehmen wie SumUp ihr volles Potenzial innerhalb der EU entfalten. Andernfalls drohen aussichtreiche Börsenkandidaten zwischen nationalen Börsenplätzen zerrieben zu werden oder gleich ihr Glück auf der anderen Seite des Atlantiks suchen.

Über den Kapitalmarkt-Blog:

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Holger Clemens Hinz
Leiter Kapitalmarktgeschäft

holger.hinz@quirinprivatbank.de

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