Über die vergangenen zehn Jahre hat sich die sogenannte Warranty & Indemnity (W&I)-Versicherung weltweit etabliert. Sie dient der Absicherung von Garantiezusagen bei Unternehmensübernahmen. In einigen Märkten ist sie mittlerweile fast schon eine Selbstverständlichkeit und wird bei deutlich mehr als der Hälfte aller privaten M&A-Transaktionen abgeschlossen. In anderen Märkten – beispielsweise in Asien und den Vereinigten Arabischen Emiraten – steigt die Marktdurchdringung von Jahr zu Jahr.
Was ist eine W&I-Versicherung?
Grundsätzlich ermöglicht W&I einen Risikotransfer vom Verkäufer auf den Versicherer. Während der Verkäufer eines Unternehmens – in der Regel – weiterhin Garantien im Rahmen des Kaufvertrags (SPA) gibt, haftet nun der Versicherer im Falle einer Verletzung dieser Garantien, ohne dass der Versicherer Regressansprüche geltend machen kann (außer in Betrugsfällen). Diese Lösung ist grundsätzlich für jede Transaktion und jede marktübliche Garantie betreffend des Zielunternehmens oder Assets verfügbar, sofern die Due Diligence auf Käuferseite die jeweilige Angelegenheit geprüft und keine wesentlichen Risiken festgestellt hat.
Die W&I-Versicherung bietet damit sowohl Verkäufern als auch Käufern massive Vorteile. Sie ermöglicht dem Verkäufer einen sauberen Ausstieg, was für viele Private-Equity-Firmen der Hauptgrund ist, nicht ohne W&I zu verkaufen. Außerdem können Verkäufer großzügigere Gewährleistungen gewähren, was zu einem umfassenderen Schutz des Käufers führt. Der Schutz des Käufers wird durch die Versicherung über das im Kaufvertrag Vereinbarte hinaus verbessert, zum Beispiel in Bezug auf verlängerte Gewährleistungsfristen, höhere Schutzstandards (objektiv statt subjektiv), Blindspot-Deckung, Nichtanwendung einer De-minimis-Klausel und vieles mehr. Sowohl Verkäufer als auch Käufer profitieren außerdem von einfacheren Verhandlungen – Garantien müssen nicht mehr ein Hauptstreitpunkt zwischen den Parteien und ihren jeweiligen Beratern sein. Beide Seiten sind geschützt.
Durch eine größere Verfügbarkeit und einen verstärkten Wettbewerb zwischen den Versicherern ist der W&I-Versicherungsschutz umfassender geworden, während die Kosten gesunken sind. Vorbehaltlich regionaler und branchenbezogener Unterschiede liegen die Versicherungskosten, gemessen als Prozentsatz vom gekauften Versicherungslimit, heute oft unter einem Prozent.
Für Private M&A gilt daher, dass die Frage, ob W&I-Versicherung oder nicht, bei jeder Transaktion – am besten so früh wie möglich – gestellt werden sollte. In der Praxis ist W&I regelmäßig die Alternative zu langwierigen Verhandlungen von Garantien und/oder Abzügen vom Kaufpreis.
W&I-Versicherung für Public M&A?
Auf Einzelfall-Basis gibt es maßgeschneiderte W&I Lösungen auch in Public M&A Konstellationen. Entscheidend ist jeweils, wer in diesen Fällen welche Garantien gibt, und inwiefern diese mit einer entsprechenden Käufer-Due-Diligence unterlegt werden können.
Weitere Versicherungslösungen – im oder außerhalb des Transaktionskontexts
Während die W&I oft die kostengünstigste und zeitsparendste Methode ist, um mit unbekannten Risiken und der Frage der Haftung im Rahmen von M&A im Allgemeinen umzugehen, gibt es andere Versicherungslösungen, die im Transaktionskontext an Bedeutung gewonnen haben und mittlerweile auch außerhalb von Transaktionen wertvolle Werkzeuge bieten.
Maßgeschneiderte Lösungen
Für erhebliche bekannte Risiken stehen sogenannte Contingent-Risk-Versicherungslösungen zur Verfügung. Zu den relevanten Szenarien gehören unter anderem:
- potenzielle künftige Steuerverbindlichkeiten für einen Zeitraum bis zu zehn Jahren, die durch geplante Maßnahmen ausgelöst werden können;
- die Beteiligung an einem laufenden Rechtsstreit, der im Falle einer Niederlage zu einer erheblichen Zahlungsverpflichtung führt;
- das Zielunternehmen unterliegt einem Regulierungsverfahren, das eine Zahlungsverpflichtung auslösen oder sogar Auswirkungen auf das gesamte Geschäftsmodell haben kann.
Generell gilt: Wann immer ein rechtliches Risiko besteht, dessen potenzielle Auswirkungen erheblich wären, dessen Eintrittswahrscheinlichkeit jedoch nicht allzu hoch ist, kann eine Versicherung in Betracht kommen. Über diese kann ein potenziell prohibitives Risiko für einen Bruchteil vom Tisch genommen werden. Spezialisierte Vermittler können für jeden Fall eine Versicherungslösung finden oder in Zusammenarbeit mit geeigneten Versicherern sogar neue entwickeln. Das Angebot an verfügbaren Versicherungslösungen wächst kontinuierlich. Bei rechtlichen Problemen während oder außerhalb eines Übernahmeprozesses lohnt sich daher regelmäßig die Kontaktaufnahme zum Broker, um kurzfristig Auskunft zu Versicherbarkeit und Kosten zu bekommen.
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Zum Autor:
Philip Frerks, deutscher Volljurist, hat an der Humboldt-Universität zu Berlin studiert und in Berlin beide Staatsexamina abgelegt und danach an mehreren internationalen Universitäten ein LLM Studium absolviert. Er hat jahrelang für mehrere führende internationale Großkanzleien in Frankfurt in den Bereichen Kapitalmarktrecht und M&A gearbeitet, bevor er in die Transaktionsversicherungsbranche wechselte. Seit 2024 leitet er den Transaktionsversicherungsbereich bei Malakut Insurance Brokers, einem Versicherungsmakler für maßgeschneiderte, globale Versicherungslösungen.
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