Unternehmen, die über eine Anleihe- oder Aktienplatzierung hohe Kapitalbeträge bei Investoren und Anlegern einsammeln wollen, müssen nicht nur ein überzeugendes Geschäftsmodell und gute Renditeaussichten im Gepäck haben, sondern müssen auch auf die Marktstimmung achten und den richtigen Zeitpunkt erwischen. Das Timing der Platzierung sowie das Momentum an der Börse sind die unsichtbaren Stars einer jeden Kapitalmarkttransaktion. Schon ein einziger Tag kann über den Erfolg einer Transaktion entscheiden – so wie bei der Fluggesellschaft Air Berlin vor fast genau zwölf Jahren.
Große Vorhaben benötigen viel Kapital. Eine neue Fluggesellschaft im internationalen Geschäft zu etablieren, gehört sicher zu den kapitalintensiveren Vorhaben. So mancher wird sich vielleicht mit etwas Wehmut an Air Berlin erinnern. Die rot-weißen Flugzeuge hatten eine große Zeit und prägten das Bild am Flughafen der Hauptstadt viele Jahre, bevor sie am 27. Oktober 2017 endgültig von den Start- und Landebahnen verschwanden. Im Jahr 2013 jedoch war Air Berlin noch gut im Geschäft und hatte ehrgeizige Wachstumspläne. Dementsprechend benötigte die Fluggesellschaft mehr Kapital für Investitionen – und lieferte ein Best-Practice-Beispiel für eine erfolgreiche Kapitalmarktfinanzierung.
Nach einer erfolgreichen Wandelanleihe-Emission im Februar 2013 sollte weiteres Kapital eingeworben werden. Entweder über die Aufstockung einer bestehenden Anleihe mit Fälligkeit 2018, mit einer Zwangswandelanleihe oder einer High Yield-Anleihe mit Fälligkeit 2017. Doch das Vorhaben scheiterte zunächst am fehlenden Momentum zugunsten Air Berlins. Einige Analysten-Ratings empfahlen den Verkauf von Air-Berlin-Wertpapieren und auch die guten Unternehmenszahlen nach einem „goldenen“ dritten Quartal brachten dem Unternehmen keinen ausreichenden Rückenwind. Die Emission wurde abgesagt.
Der Wendepunkt: Jetzt musste alles schnell gehen
Doch knapp ein Jahr später folgte der Wendepunkt: Die Berliner Morgenpost berichtete am 13. Januar 2014 über ein Management-Meeting zwischen Air Berlin und der arabischen Luxus-Airline Etihad unter der Bezeichnung „Moving Forward“. An der Börse sorgte das zunächst noch nicht für Unruhe, der Kurs der Berliner Airline blieb stabil. Doch dann wurde anlässlich des Treffens ein Airbus A320 aus dem Hangar gezogen, der sowohl mit dem Logo von Air Berlin als auch dem von Etihad versehen war – ein klares Signal für einen bevorstehenden Zusammenschluss der beiden Gesellschaften. Selbst wenn es am Ende das einzige Flugzeug dieser Lackierung war, änderte sich doch die Stimmung deutlich zugunsten Air Berlins.
Nur drei Tage später, am 16. Januar 2014, fiel bei Air Berlin die Entscheidung, die bestehende Anleihe mit Fälligkeit 2018 aufzustocken, die Finanzbranche spricht in so einem Fall von einem Tap-up. Geplant war ein Emissionsvolumen von 50 Millionen Euro. Doch weil das Orderbuch massiv überzeichnet war, wurde das Volumen kurzerhand auf 75 Millionen Euro erhöht. Die Anleihen gingen für 101,5 Prozent – und damit deutlich über ihrem Nennwert – an die Investoren. Für einen Emittenten wie Air Berlin war es eine herausragend gute Finanzierungsrunde.
Dieses Ereignis vor zwölf Jahren eignet sich heute noch als Lehrbuch-Beispiel für Kapitalmaßnahmen an der Börse. Denn es verdeutlicht, was zu einer erfolgreichen Refinanzierung über die Börse dazugehört, und dass nicht zuletzt das Timing eine entscheidende Rolle spielt.
Die Lehren aus dem Fall Air Berlin
I. Momentum schlägt Mechanik
Die Struktur und die Konditionen einer Anleihe sind für Investoren wichtig, aber entscheidend ist die Marktpsychologie. Ohne ein positives Stimmungsumfeld an der Börse und zugunsten des Emittenten helfen auch überdurchschnittlich hohe Zinsen nicht, Investoren für das Wertpapier zu begeistern. Aber: Das Air-Berlin-Tap-up belegt, dass schon ein einziges glaubwürdiges Signal für einen Stimmungswechsel sorgen kann.
II. Timing: Emissionsfenster erkennen und nutzen
Ein Umfeld stabiler Börsenkurse und ein begrenztes Angebot an Investitionschancen sind wichtige Hilfen bei einer Platzierung. Wird der Markt hingegen von Konkurrenzangeboten geflutet, buhlen viele Emittenten um wenige Investoren und gefährden die Finanzierung. Ist das Angebot an neuen Wertpapieren jedoch knapp, treffen neue Angebote auf ausreichend Aufnahmebereitschaft und sind am Ende oft überzeichnet. Emittenten, die solche Zeitfenster erkennen und sich schnell zu einer Emission entscheiden, haben deutlich bessere Chancen auf eine erfolgreiche Platzierung.
III. Vertrautheit gewinnt
Bei Begebung einer neuen Anleihe muss der Emittent alles penibel erklären: Geschäftsmodell, Umsatz- und Gewinnentwicklung, Investitionsvorhaben und vieles mehr. Investoren lassen sich viel einfacher zum Einstieg bewegen, wenn auf bereits bekannte Finanzierungsinstrumente verwiesen werden kann, die lediglich aufgestockt werden. So kennen Investoren bei einem Tap-up bereits die zugrundeliegende Anleihe, ihren Kursverlauf und ihre Konditionen, und es gibt bereits Erfahrungswerte mit diesem Wertpapier. Für die Platzierung können somit Bestandsinvestoren direkt angesprochen werden, es geht deutlich familiärer zu und die Unsicherheit über das Pricing der Anleihe hält sich in engen Grenzen. Investoren schätzen Kontinuität und sind sogar bereit, dafür zu bezahlen.
IV. Story und Exekution gehen Hand in Hand
Bei Air Berlin schaffte die Erzählung von der Managerkonferenz und das doppelt gebrandete Flugzeug den Kontext für ein Investment, die Umsetzung der Anleiheemission hinsichtlich Timing, Buchführung und Kommunikation liefert den Proof of Conept, also den Machbarkeitsnachweis. Schnelligkeit und Disziplin in der Umsetzung entscheiden über Größe und Preis der Emission. Schnelle Anpassungen und gutes Timing begünstigen gute Ergebnisse.
V. Flexibilität zahlt sich aus
Starres Festhalten an alten Platzierungsvorhaben oder -traditionen ist bei der Gewinnung neuer Investoren eher hinderlich. Vielmehr sind Flexibilität und Pragmatismus gefragt. Ein Tap-up anstelle einer kompletten Neuemission, eine Erhöhung des Emissionsvolumens bei Überzeichnung und das schnelle Ausloten eines geeigneten Emissionspreises etwa erhöhen die Chancen auf eine erfolgreiche Platzierung deutlich.
Fazit: Die Kapitalmarktfinanzierung über Wertpapiertransaktionen besteht nicht allein aus Kennzahlen und Konditionen, sondern hängt wesentlich auch von Dramaturgie, Timing und einem guten Gespür für ein tragfähiges Momentum ab. Emittenten, die ein günstiges Zeitfenster erkennen und mutig die Gelegenheit ergreifen, schreiben die besseren Börsengeschichten.
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