Der Börsengang von SpaceX am 12. Juni war ein IPO der Superlative, Anleger feierten Elon Musk und den rasanten Kursanstieg der Aktie. Doch Ruhm und Ehre des Börsen-Debüts verfliegen nach nur zwei Wochen, der Kurs ist massiv gefallen – und in den nächsten Monaten droht dem SpaceX-Aktienkurs viel weiteres Ungemach. Auslöser dürften Indexfonds und verkaufswillige Alt-Aktionäre sein.
Nach dem Börsengang von SpaceX am 12. Juni 2026 herrschte erst einmal weit verbreitete Euphorie: 75 Milliarden Dollar Emissionserlös, ein Kursplus von 20 Prozent zum Handelsauftakt und nach kurzer Zeit ein Börsenwert für das Raumfahrtunternehmen von zwei Billionen Dollar. SpaceX sammelte die Börsenrekorde nur so ein. Doch inzwischen hat dieses Image deutliche Risse bekommen – und ein Blick auf das, was noch kommt, verheißt für Aktie nichts Gutes.
Zunächst geriet die SpaceX-Aktie in der vergangenen Woche unter Druck. Innerhalb von nur drei Tagen fiel das Papier um 23 Prozent. Eine neue Anleihe, mit der sich SpaceX nur eine Woche nach dem IPO weitere 25 Milliarden Dollar Kapital beschaffte, verärgerte viele Investoren, Goldman Sachs prognostizierte daraufhin bis 2029 einen jährlichen negativen Cashflow von 105 Milliarden Dollar. Hinzu kamen die Erwartung künftig steigender Zinsen, negative Analystenkommentare und wachsende Zweifel an der hohen Bewertung des texanischen Unternehmens, die trotz der Kursrückschläge deutlich über zwei Billionen Dollar verharrt.
SpaceX: Index-Aufnahmen und auslaufende Sperrfristen voraus
Was sich auch als fällige Korrektur lesen lässt, dürfte aber nur der Anfang sein. Denn anstehende Index-Aufnahmen und auslaufende Sperrfristen für Alt-Aktionäre können aufgrund des niedrigen Streubesitzes (Free Float) an der Börse für massive Kurskapriolen sorgen.
Durch die Aufnahme der SpaceX-Aktie in verschiedene große Börsenindizes werden allein für das restliche Jahr passive Zuflüsse von geschätzt mindestens 45 bis 50 Milliarden US-Dollar erwartet. Indexfonds (ETFs) müssen die Aktie dann entsprechend ihrer Indexgewichtung unmittelbar ins Portfolio nehmen. Diese erzwungenen Käufe von Indexfonds (ETFs) werden einen erheblichen Teil der frei handelbaren Aktien absorbieren.
Hier eine Übersicht der zu erwartenden Handelsvolumina durch Indexaufnahmen:
Zusammenfassung der erwarteten Kaufvolumina
| Index-Gruppe | Datum der Umsetzung | Erwartetes passives Kaufvolumen |
| Breite US-Indizes (CRSP / S&P Completion) | 18.–22. Juni 2026 | ~2–3 Mrd. USD (bereits im Markt) |
| MSCI USA | 25. Juni 2026 | ~5–7 Mrd. USD |
| Russell 1000 / 3000 | 26. Juni 2026 | ~11–13 Mrd. USD |
| Nasdaq-100 (Fast Entry) | 06.–07. Juli 2026 | ~25–28 Mrd. USD |
| S&P 500 (Ausblick) | Mitte 2027 oder später | ~60–75 Mrd. USD |
Die Aufnahme in den Nasdaq-100-Index wird der kurzfristig massivste Liquiditätseffekt („Index-Schock“) für die SpaceX-Aktie sein. Da die Nasdaq eine Sonderregel nutzt und den geringen Free Float von SpaceX mit einem 3x-Gewichtungsfaktor multipliziert, ist das resultierende Kaufvolumen im Verhältnis zum tatsächlichen Streubesitz extrem hoch. Allein der Invesco QQQ Trust und angeschlossene Nasdaq-100-Produkte müssen innerhalb von 48 Stunden schätzungsweise acht bis neun Prozent des gesamten SpaceX-Streubesitzes vom Markt aufkaufen.
Vom Volumen noch größter dürfte der Effekt einer Indexaufnahme in den S&P 500 sein, die frühestens Mitte 2027 erfolgt. Sollte SpaceX die Profitabilitätskriterien bis Mitte 2027 erfüllen und vom S&P-Komitee aufgenommen werden, wird gemessen an der aktuellen Marktkapitalisierung eine Nachfragevolumen von 60 bis 75 Milliarden US-Dollar prognostiziert.
Das Problem: Weil Elon Musk das IPO so angelegt hat, dass nur ein winziger Streubesitz von 4 bis 4,9 Prozent der Aktien über die Börse handelbar ist, führt der enorme Kaufzwang der Indexfonds zu einem massiven Liquiditätsengpass („Squeeze“) im Aktienhandel. Erst danach, im Herbst und Winter, laufen schrittweise die Haltefristen („Lock-ups“) der Insider ab und vergrößern das Aktienangebot wieder deutlich.
Drei kritische Marktphasen
Das Zusammenspiel der Termine lässt sich somit unterteilen:
Phase 1: Der Index-Squeeze (Juni bis Juli 2026)
Die Index-Aufnahmen (Russell, MSCI, Nasdaq-100) finden komplett innerhalb der strikten Lock-up-Sperre statt. Bis Mitte Juli sind ETFs dann gezwungen, für ca. 41 bis 48 Milliarden US-Dollar SpaceX-Aktien zu kaufen. Zu diesem Zeitpunkt ist der freie Markt aber extrem „trocken“, da Insider, frühe Investoren und Mitarbeiter noch nicht verkaufen dürfen. Da eine immense, künstliche Nachfrage auf ein künstlich verknapptes Angebot trifft, ist das Risiko eines extremen, mechanisch getriebenen Kursanstiegs (Short-Squeeze-ähnlich) im Juli massiv.
Phase 2: Die gestaffelte Entlastungswelle (August bis Oktober 2026)
Anstatt alle Aktien nach 180 Tagen auf einmal freizugeben, nutzt SpaceX einen stark gestaffelten („staggered“) Lock-up-Minderungsplan. Ende Juli / Anfang August 2026 (Nach den Q2-Ergebnissen) werden die ersten 20 Prozent der Insider-Aktien frei. Wenn der Kurs zu diesem Zeitpunkt über 175,50 US-Dollar notiert, werden sofort weitere zehn Prozent freigeschaltet. Von August bis Oktober 2026 werden dann im Abstand von zwei bis drei Wochen jeweils weitere sieben Prozent der gesperrten Aktien freigegeben.
Diese Tranchen kommen erst nach den großen Index-Käufen und helfen dabei, die künstliche Überhitzung aus dem Juli abzubauen. Das könnte aber auch spürbaren Verkaufsdruck auf die Aktie ausüben und mit Kursverlusten einhergehen.
Phase 3: Die finale Kernschmelze des Lock-ups (November bis Dezember 2026)
Im November 2026, im Anschluss an die Q3-Ergebnisse, werden weitere 28 Prozent der Insider-Aktien auf einen Schlag handelbar. Am 8. Dezember 2026 endet dann noch die reguläre Lock-up-Frist nach 180 Tagen. Alle verbleibenden Mitarbeiter- und Standard-Investorenaktien kommen auf den Markt. Die erste große Kaufwelle der ETFs vom Juli ist dann längst vorbei. Wenn im Dezember diese gewaltige Flut an Aktien auf den Markt drängt, fehlt das ausgleichende, passive Index-Kaufvolumen. Analysten warnen bereits vor einer spürbaren Korrekturphase.
SpaceX: Index- und Marktphasen im Zusammenspiel
Aus Sicht von Elon Musk und den Alt-Investoren ist dieses scheinbare Missverhältnis bzw. diese asymmetrische Struktur nicht als Planungsfehler, sondern als hochgradig strategisches, finanztechnisches Design zu verstehen, das im Grunde drei Absichten verfolgt:
- Maximale Bewertungspflege für mehr Shareholder-Value
Indem man die künstliche, unelastische Nachfrage der ETFs (ca. 45 Milliarden US-Dollar) auf ein minimales Angebot von nur vier Prozent Streubesitz treffen lässt, wird der Aktienkurs direkt nach dem IPO massiv gestützt oder sogar nach oben getrieben. Wenn die Lock-up-Fristen der Insider im Spätherbst auslaufen, können Großinvestoren und Mitarbeiter ihre Aktien zu einem potenziell stark aufgeblähten, durch Indexkäufe abgesicherten Kursniveau zu Geld machen.
- Das „Anti-Crash-Ventil“ für das Ende der Lock-up-Frist
Nur um den befürchteten Absturz im Dezember zu verhindern, kommt bei SpaceX die Staffelung zum Einsatz. Würden nach 180 Tagen (am 8. Dezember) 95 Prozent der Aktien auf einmal auf den Markt treffen, würde der Kurs kollabieren. Durch die Freigabe in kleinen Häppchen ab August wird der Markt schrittweise an das neue Angebot gewöhnt, wie bei einer Tröpfcheninfusion. Das fängt den Verkaufsdruck organisch auf.
- Das „Anti-Squeeze-Ventil“ durch die 175,50-Dollar-Hürde
SpaceX hat eine Klausel eingebaut, die besagt: Steht die Aktie nach den Q2-Zahlen hoch genug (über 175,50 USD), werden vorzeitig mehr Aktien freigegeben. Das Kalkül: Sollten die Index-Käufe im Juli den Kurs völlig unkontrolliert durch die Decke jagen (Squeeze), schaltet das System im August automatisch zusätzliche Insider-Aktien frei. Dieses zusätzliche Angebot wirkt dann wie ein Puffer, der die Volatilität dämpft und den Markt stabilisiert.
Fazit
Es handelt sich um ein durchdachtes, aber auch heikles Zusammenspiel: Die Indexfonds dienen als garantierte Käufer auf hohem Niveau, während die gestaffelten Lock-ups als regulatorisches Ventil dienen, um den Insidern einen profitablen, aber geordneten Ausstieg zu ermöglichen, ohne den Kurs komplett zu zerstören. Die zentrale Frage aber der Börsenanleger, wo der faire Wert der SpaceX-Aktien liegt, bleibt wohl noch länger unbeantwortet. Erst nach einer möglichen Indexaufnahme in den S&P 500 in einem Jahr dürfte der deutlicher werden. Die Transaktion und die aufwändige Orchestrierung der kapitalmarkt-relevanten Phasen ist stark an den Interessen der Pre-IPO-Investoren orientiert.
Über den Kapitalmarkt-Blog:
Hier schreiben die Kapitalmarktexperten der Quirin Privatbank über die deutsche Wirtschaft und alles, was den heimischen Mittelstand bewegt. Das erfahrene Team der Quirin Privatbank hat die Entwicklungen rund um die Mittelstandsfinanzierung immer im Blick und zeigt auf, welche alternativen Finanzierungsformen für KMU interessant sind.

