Home FinanzierungWas ein Greenshoe mit einer Filmpremiere zu tun hat – Marktstabilisierung nach einem Börsengang einfach erklärt

Was ein Greenshoe mit einer Filmpremiere zu tun hat – Marktstabilisierung nach einem Börsengang einfach erklärt

von Lieselotte Hasselhoff
Der Begriff Greenshoe bezeichnet eine Mehrzuteilungsoption bei einem Börsengang

Ob ein IPO als erfolgreich gilt, entscheidet sich in den ersten Handelstagen an der Börse anhand der Kursentwicklung des Börsendebütanten. Diese sollte vor allem stabil verlaufen, da starke Kursschwankungen die Investoren verunsichern können. Doch anders als bei der Publikumsreaktion bei einer Filmpremiere haben die Emittenten nach dem IPO mit dem sogenannten Greenshoe durchaus Einflussmöglichkeiten.

Von Holger Clemens Hinz

Ein Börsengang ist für ein Unternehmen ein Ereignis voller Spannung – fast wie die Premiere eines großen Kinofilms. Monatelang wurde gedreht, geplant, geprobt und kalkuliert. Und dann kommt der Tag, an dem es ernst wird: Das Publikum zeigt mit seiner Reaktion, ob der Start ein Erfolg wird. Beim IPO ist dieses Publikum der Kapitalmarkt, und statt Applaus oder Kritik äußert es sich durch steigende oder fallende Aktienkurse.

Doch im Gegensatz zu einer Filmpremiere gibt es beim Börsengang ein Werkzeug, das den Aktienkurs stabilisiert: den Greenshoe, die sogenannte Mehrzuteilungsoption.

Warum der Start so wichtig ist – für Filme und für Aktien

Der erste Eindruck entscheidet. Wenn ein Kinofilm schon am ersten Tag volle Säle hat, spricht man von einem gelungenen Start. Leere Säle dagegen erzeugen negative Schlagzeilen und schaden dem Ruf.

Beim Börsengang ist es ähnlich: Fällt der Kurs direkt nach dem Start, wirkt das wie ein schlechtes Zeichen. Anleger werden vorsichtig, Medien berichten kritisch, und das Unternehmen verliert an Vertrauen.

Doch der Start zeigt noch etwas anderes – er offenbart, ob die begleitenden Banken gute Arbeit geleistet haben:

  • Haben sie ein breites Aktionariat aufgebaut, also viele verschiedene Anlegergruppen angesprochen?
  • Sind nicht nur Profis, sondern auch private Anleger, langfristig orientierte Investoren und institutionelle Häuser an Bord?
  • Gibt es genug „Kinobesucher aller Klassen“, um einen lebendigen und liquiden Sekundärmarkt zu schaffen?
  • So wie ein Filmstudio stolz ist, wenn bei der Premiere Menschen aus allen Zielgruppen im Saal sitzen, freuen sich Banken und Unternehmen, wenn die Aktie auf viele stabile Hände verteilt ist. Das macht einen gesunden Handel nach dem IPO erst möglich.

Was genau ist der Greenshoe?

Der Greenshoe ist eine Option, mit der die Banken beim IPO mehr Aktien verkaufen dürfen, als eigentlich vorhanden sind. In der Regel stellt ein Großaktionär diese Aktien zur Verfügung und leiht vorab die Aktien der Bank, um diese an Investoren zu platzieren – ein kontrollierter Leerverkauf, der ihnen später Spielraum gibt, diese Aktien im Rahmen der Stabilisierungsphase über die Börse zu erwerben, sollte der Aktienkurs unter den Ausgabepreis fallen.

Der Begriff „Greenshoe“ mag auf den ersten Blick ungewöhnlich erscheinen – seine Herkunft ist jedoch historisch begründet: Er geht auf die Green Shoe Manufacturing Company zurück, ein US-amerikanisches Schuhunternehmen, das 1919 gegründet wurde und später unter dem Namen Stride Rite bekannt wurde. Als dieses Unternehmen 1960 an die Börse ging, war es das erste, das eine solche Mehrzuteilungsoption in den Emissionsvertrag aufnahm. Seitdem hat sich der Begriff „Greenshoe“ als Synonym für diese Art der Kursstabilisierung etabliert – obwohl er inhaltlich nichts mit Schuhen oder der Farbe Grün zu tun hat. Die US-Börsenaufsicht (SEC) erkannte den Nutzen dieser Methode frühzeitig an und machte sie zur einzigen offiziell zugelassenen Maßnahme zur Kursstabilisierung nach einem IPO.

Zwei Szenarien – wie bei einer Premiere

  1. Der Film wird ein Hit – der Kurs steigt

Die Premiere ist ausverkauft, alle wollen den Film sehen. Entsprechend liegt der Aktienkurs über dem Ausgabepreis.

In diesem Fall:

  • ziehen die Banken die Greenshoe-Option,
  • kaufen die zusätzlich benötigten Aktien dem Verleiher zum Ausgabepreis ab,
  • und rechnen den Verkauf der benötigten Aktien dem Verleiher in Cash ab.

Der Markt braucht hier keine Stabilisierung – der Film läuft bestens.

  1. Der Start läuft schleppend – der Kurs fällt

Die Premiere ist nicht voll, die Reaktion verhaltener. Beim Börsengang würde der Kurs unter den Ausgabepreis fallen.

Jetzt greift der Greenshoe als Stabilisierungstool:

  • Die Banken kaufen Aktien am Markt zurück,
  • erhöhen so die Nachfrage,
  • und stützen den Kurs.

Das ist, als würde das Filmstudio am Premierentag zusätzliche Tickets kaufen, um leere Reihen zu vermeiden und die Wahrnehmung zu stabilisieren.

Eine begrenzte Startphase von 30 Tagen

Die Stabilisierungsmaßnahmen sind auf 30 Tage begrenzt. Danach entscheidet der Markt selbst. Diese Phase entspricht den ersten Wochen eines Films im Kino – genug Zeit, damit sich ein verlässliches Bild bildet.

Quelle: Bloomberg, © Quirin Privatbank

Quelle: Bloomberg, © Quirin Privatbank

Warum der Greenshoe wichtig ist – und warum der Start so viel aussagt

Ein gut organisierter IPO sorgt nicht nur für einen stabilen Kurs. Er zeigt auch, ob die Banken es geschafft haben, das Unternehmen binnen kürzester Zeit breit im Markt zu verankern und ein Aktionariat für nächste Schritte, wie eine mögliche Index-Aufnahme.

So wie ein Filmstudio sicherstellt, dass die Premiere nicht nur Kritiker oder Hardcore-Fans anzieht, sondern ein gemischtes Publikum, sorgen Banken dafür, dass die Aktie in vielen Händen landet – die Grundlage für einen funktionierenden, lebendigen Sekundärmarkt.

Fazit: Ein Greenshoe ist wie ein guter Premierenplan

Der Greenshoe sorgt für einen stabilen Start und gibt dem Markt Zeit, ein faires Preisniveau zu finden. Doch ebenso wichtig ist, was der IPO-Start über die Vorbereitung verrät: Ein breites Publikum – oder beim Börsengang ein breit gestreutes Aktionariat – ist der beste Indikator dafür, dass die Banken ihre Hausaufgaben gemacht haben.

Am Ende entscheidet zwar die Qualität des „Films“ – also das Geschäftsmodell –, aber ein guter Start erleichtert den Erfolg erheblich.

 

Über den Kapitalmarkt-Blog:

Hier schreiben die Kapitalmarktexperten der Quirin Privatbank über die deutsche Wirtschaft und alles, was den heimischen Mittelstand bewegt. Das erfahrene Team der Quirin Privatbank hat die Entwicklungen rund um die Mittelstandsfinanzierung immer im Blick und zeigt auf, welche alternativen Finanzierungsformen für KMU interessant sind.

Holger Clemens Hinz
Leiter Kapitalmarktgeschäft

holger.hinz@quirinprivatbank.de

+49 69 / 247 50 49 30

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