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Gründerinnen bekommen weniger Kapital als Gründer

von Lieselotte Hasselhoff

2.618 neue Start-ups zählte der Startup-Verband im vergangenen Jahr gegenüber 2021 ein Rückgang um knapp ein Fünftel. Mit den nachlassenden Gründungsaktivitäten stieg der Anteil von Gründerinnen zwar leicht auf 20 Prozent und auch der Anteil von Gründungsteams mit mindestens einer Frau ist auf 37 Prozent gewachsen. Die Zahlen zeigen aber auch, dass Gründerinnen in der Start-up-Szene weiterhin in der Unterzahl sind.

 

Die Szene deutscher Start-ups wird von Männern dominiert. Zu diesem Ergebnis kommt nicht nur der Female Founders Monitor des Bundesverbandes Deutsche Startups. Auch die Studie „Gender diversity in German and French start-ups der TU München im Auftrag der Roland Berger Foundation for European Management zeigt: 91 Prozent der Gründer und 82 Prozent der Gründungsteams in beiden Ländern sind männlich. Rund 60 Prozent aller Gründungsteams bestehen ausschließlich aus Männern, hinzu kommen knapp 20 Prozent männliche Gründer, die sich allein selbständig machen. Weibliche Gründungsteams und Einzel-Gründerinnen machen gerade weniger als drei Prozent aus. Die restlichen 14 Prozent bestehen aus gemischten Gründungsteams. Das Phänomen einer männerdominierten Start-up-Szene ist weltweit zu beobachten, im europäischen Vergleich liegt Deutschland mit den erwähnten Relationen sogar im Mittelfeld. 

Eigentlich sollte man erwarten, dass gerade in jungen Unternehmen, die noch dazu gern mit tradierten Gepflogenheiten in der Wirtschaftswelt brechen, das Geschlechterverhältnis ausgewogener ist. Jede moderne Volkswirtschaft benötigt Innovationen und einen ausreichend großen Nachwuchs an Unternehmerinnen und Unternehmern. Aber den beiden Studien zufolge sind Frauen in der Start-up-Szene massiv unterrepräsentiert und das Gründerinnen-Potenzial wird stark vernachlässigt. Doch warum ist das so? Und was lässt sich dagegen tun?  

Am liebsten gründen Frauen im Food- und Konsumbereich 

Die Studien bieten erste Antworten auf die Frage nach den Ursachen. So gründen Frauen seltener im Bereich der angesagtesten Technologien wie etwa Deeptech, KI und maschinelles Lernen. Hier sind nur sieben Prozent der Gründerinnen aktiv. Vielmehr bevorzugen Tech-Gründerinnen Bereiche wie Virtual Reality, Sprachsteuerung, Deep Learning und Blockchain. Laut Female Founders Monitor sind Gründerinnen jenseits der Tech-Start-ups zudem überproportional häufig in den Bereichen Konsumgüter und Food vertreten. Außerdem gründen sie häufiger in Branchen mit sozialem Fokus, insbesondere in der Medizin und im Bildungsbereich. Fast 90 Prozent der Frauen-Teams legen großen Wert auf einen ökologischen und sozialen Impact ihres Unternehmens, nur bei 74 Prozent der Männer ist das ebenso. 

Aus den Zahlen ließe sich folgern, dass Frauen ihre Unternehmen einfach in den falschen Branchen gründen. Doch andere Ursachen für die geschlechterspezifische Schieflage in der Start-up-Szene dürften weit schwerer wiegen.  

Ein altbekanntes Hindernis bei den Aktivitäten der Gründerinnen ist etwa die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Nur jede zweite Gründerin ist mit dem Ist-Zustand zufrieden und vier von fünf halten das Thema für enorm wichtig, um für mehr Geschlechter-Ausgewogenheit zu sorgen. Laut Female Founders Monitor verlieren Gründerinnen gegenüber Kinderlosen sechs Arbeitsstunden pro Woche, bei Männern mit Kindern ist der Arbeitszeitverlust mit nur einer Stunde deutlich kleiner. Offenbar übernehmen Gründerinnen deutlich mehr der familiären Verpflichtungen als Männer in vergleichbarer Position. 

Gründerinnen bekommen weniger Kapital als Männer-Start-ups 

Ein regelrechter Show-Stopper für junge Unternehmerinnen ist jedoch die Finanzierung. So fallen die Unternehmensbewertungen durch Investoren je nach Zusammensetzung der Geschlechter im Gründungsteam bei Einzel-Gründerinnen und rein weiblichen Gründungsteams mit Abstand am niedrigsten aus. Gemischte und rein männliche Gründungsteams bewerten Investoren im Durchschnitt doppelt so hoch. Deutschland und Frankreich unterscheiden sich in diesem Punkt kaum.  

Die deutlich niedrigere Bewertung der Start-ups von Frauen hat sicherlich auch damit zu tun, dass die von ihnen gegründeten Unternehmen oft kleiner sind und weniger Mitarbeiter haben. Andererseits ist die Diskrepanz in der Bewertung so auffällig, dass man sich fragen muss, ob Frauen-Start-ups nicht schon aufgrund der zu knappen Finanzierung langsamer wachsen und deshalb weniger Angestellte aufweisen. Für diese These spricht, dass die Investoren-Komitees, die über eine Finanzierung entscheiden, weiterhin überwiegend männlich besetzt sind. So erklären befragte Gründerinnen mit einer großen Mehrheit von 84 Prozent, dass Frauen bei Investmententscheidungen kritischer hinterfragt werden als Männer.  

Ein weiteres Manko für Gründerinnen in Deutschland ist der Mangel an weiblichen Business Angels. Diese Förderer und Unterstützer junger Unternehmen sind wichtiger Bestandteil eines funktionierenden Business-Netzwerks – gerade wenn es um Finanzierungsfragen geht. In Deutschland sind nur sechs Prozent der Gründerinnen selbst als Business Angels aktiv, bei den Gründern sind es immerhin 16 Prozent. Somit haben junge Unternehmerinnen es deutlich schwerer, Kontakt zu Investoren und Geschäftspartnern aufzubauen. 

Mehr Mädchen für Technik und Naturwissenschaft begeistern 

Unter dem Strich sind Gründerinnen klar benachteiligt. Langfristig schadet das dem Wirtschaftsstandort Deutschland. Um die Nachteile für Gründerinnen auszugleichen, sollten daher alle Gründungs- und Investmentprozesse konsequent geschlechterneutral gehalten werden. Dazu wären mehr weibliche Business Angels und gemischte Investmentkomitees auf Seiten der Finanzierer wünschenswert und wichtig. Und auch für die Vereinbarkeit von Familie und Unternehmen muss noch mehr getan werden, etwa durch längere Kita-Öffnungszeiten, Ganztagsschulen und insgesamt deutlich mehr Betreuungsmöglichkeiten. 

Auf lange Sicht sollte unsere Wirtschaft vor allem Gründungsvorhaben von Frauen aus den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwesen und Mathematik besser und stringenter fördern. Hier könnte die Politik schon in den Vor- und Grundschulen ansetzen, um mehr Schülerinnen für diese Themen zu begeistern. Langfristig sollte sich das auszahlen, denn Untersuchungen haben auch gezeigt, dass Unternehmerinnen meist die solideren und vor allem rentablere Start-ups ins Leben rufen als Männer. Mehr erfolgreiche, weibliche Start-ups würden der gesamten Wirtschaft zugutekommen. 

 

Über den Kapitalmarktblog:

Hier schreiben die Kapitalmarktexperten der Quirin Privatbank über die deutsche Wirtschaft und alles, was den heimischen Mittelstand bewegt. Das erfahrene Team der Quirin Privatbank hat die Entwicklungen rund um die Mittelstandsfinanzierung immer im Blick und zeigt auf, welche alternativen Finanzierungsformen für KMU interessant sind.

 

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