Investition
Unternehmen in Deutschland horten derzeit rund 873 Milliarden Euro auf Bankkonten – so viel wie nie zuvor. Doch die Verzinsung bleibt weit unter dem Marktdurchschnitt: Auf Tagesgeldkonten erhalten Firmenkunden im Schnitt nur 1,42 Prozent Zinsen, während der kurzfristige Euro-Geldmarktzins bei 2,19 Prozent liegt.
Diese Zinslücke hat konkrete Folgen: Nach Berechnungen des Finanz-Start-ups Unitplus und der Finanzberatung Barkow Consulting entgehen deutschen Unternehmen dadurch mehr als zwei Milliarden Euro an möglichen Zinserträgen pro Jahr. Die Daten stammen aus dem gemeinsam entwickelten „Tagesgeld-Index“, der auf einer repräsentativen Stichprobe von rund 200 deutschen Banken basiert und täglich aktualisiert wird. Allein 263 Milliarden Euro der geparkten Liquidität lagen zuletzt auf Tagesgeldkonten.
Für den Mittelstand geht es dabei nicht nur um entgangene Erträge. Unitplus-Gründer Fabian Mohr sieht in den hohen Reserven auch ein konjunkturelles Warnsignal: Die Zurückhaltung vieler Unternehmen beim Investieren verhindere, dass Kapital produktiv eingesetzt werde. Etwa in Forschung und Entwicklung, neue Anlagen oder Projekte im Bereich Künstliche Intelligenz. Gerade für kleinere Betriebe, die ihre Hausbank als erste Anlaufstelle nutzen, lohnt sich ein Konditionenvergleich. Wie Capital berichtet, können schon wenige Zehntelprozentpunkte Unterschied bei hohen Beträgen erhebliche Summen ausmachen.
Die Investitionsbereitschaft im deutschen Mittelstand ist auf den tiefsten Stand seit mehr als 30 Jahren gefallen. Laut einer Umfrage von DZ Bank und dem Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR) planen nur noch 52 Prozent der befragten Unternehmen, in den kommenden sechs Monaten in den eigenen Betrieb zu investieren.
Seit 1995 befragen DZ Bank und BVR mehr als 1.000 Unternehmen zur Investitionsbereitschaft. Der aktuelle Wert markiert den niedrigsten Stand seit Beginn der Erhebung – und unterschreitet damit selbst die Tiefpunkte während der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009, der Coronapandemie 2020 sowie der Energiekrise nach dem Beginn des Ukrainekriegs 2022.
Eine parallel veröffentlichte Befragung der KfW zeichnet ein ähnliches Bild: Demnach haben lediglich 57 Prozent der Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten überhaupt Investitionen getätigt und somit weniger als im Krisenjahr 2009. Als Hauptgründe nennen die Mittelständler in der Umfrage von BVR und DZ Bank eine schwache Nachfrage, steigende Kosten und hohe geopolitische Unsicherheiten. Vor allem bei der Energie klagen zwei Drittel über zu hohe Kosten. Zudem fiel die durchschnittliche Eigenkapitalquote von 30,7 Prozent im Jahr 2024, dem bisherigen Rekordwert, auf 26,5 Prozent im Jahr 2025. Gleichzeitig stieg der dynamische Verschuldungsgrad auf 364,5 Prozent. Unter dem Strich nehmen Unternehmen mehr Fremdkapital auf, während der Cashflow stagniert.
Vier von zehn kreditinteressierten Mittelständlern in Deutschland berichten, dass ihre Banken die Kreditvergabe restriktiv handhaben. Der Anteil stieg im zweiten Quartal 2026 auf 40,5 Prozent und markiert damit einen neuen Höchstwert seit Beginn der Datenerhebung im Jahr 2017.
Die Zahlen der zeigen eine deutliche Verschlechterung gegenüber dem Vorquartal: Der Wert legte um 6,5 Prozentpunkte zu. Besonders stark betroffen ist der Einzelhandel, wo mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen Zugangshemmnisse melden. Auch im Verarbeitenden Gewerbe und in der Dienstleistungsbranche erreichten die Werte mit 40,8 beziehungsweise 42,4 Prozent historische Höchststände. Hintergrund sind laut KfW geschwächte Bilanzen, gesunkene Eigenkapitalquoten und schlechtere Ratings, auf die Banken mit höheren Risikoaufschlägen und härteren Konditionen reagieren.
Gleichzeitig sinkt die Kreditnachfrage. Nur noch 19,3 Prozent der kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) führten im zweiten Quartal Finanzierungsgespräche mit ihrer Bank. Das ist der niedrigste Stand seit dem vierten Quartal 2023. Ursache sind die geopolitischen Folgewirkungen des Iran-Kriegs, der Energiepreise und Lieferketten belastet und die Investitionsstimmung dämpft, berichtet die KfW auf Basis der aktuellen Auswertung der ifo-Konjunkturumfragen. Für mittelständische Unternehmen bedeutet das eine doppelte Belastung: Wer Kapital benötigt, findet schwierigere Bedingungen vor, während viele Betriebe Investitionspläne zurückstellen.
Nur drei Prozent der mittelständischen Unternehmen in Deutschland betreiben eine systematische, mehrjährige Investitionsplanung. Eine Untersuchung der Förderbank KfW verweist auf eine strukturelle Lücke im Herz der deutschen Wirtschaft.
Eine aktuelle Auswertung des KfW-Mittelstandspanels zeigt, dass selbst unter den größeren Mittelständlern lediglich sieben Prozent über ein strategisches Investitionskonzept verfügen. Die überwiegende Mehrheit trifft Investitionsentscheidungen situativ – auf Basis akuter Notwendigkeiten und verfügbarer Liquidität, nicht auf Grundlage langfristiger Planung. Dabei führen ohnehin nur zwölf Prozent aller mittelständischen Unternehmen überhaupt jährlich Investitionsprojekte durch. Bei Kleinstunternehmen liegt dieser Anteil bei gerade einmal neun Prozent. Die Ursachen sind struktureller Natur: Spezialisierte Abteilungen für Controlling oder Finanzen fehlen in vielen Betrieben, Ressourcen, Kapazitäten und Fachwissen sind begrenzt. Investitionsentscheidungen liegen häufig allein in den Händen der Inhaberinnen und Inhaber – eine Einbettung in ein strategisches Gesamtkonzept findet kaum statt. Hinzu kommt, dass rund eine Million Soloselbstständige zum Mittelstand zählen, was die Kleinteiligkeit zusätzlich verstärkt. Jüngste Studien belegen indes, dass gezielte strategische Planung die Unternehmensperformance bei KMU messbar verbessert.
Pandemie, geopolitische Spannungen, volatile Märkte und technologische Umbrüche verändern die Prioritäten vieler KMUs. Statt maximaler Effizienz rückt zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie widerstandsfähig Geschäftsmodelle gegenüber Krisen und Unsicherheiten aufgestellt sind. Resilienz entwickelt sich damit zu einer zentralen Managementaufgabe im Mittelstand.
Lange galten schlanke Lieferketten, minimale Lagerbestände und hohe Spezialisierung als entscheidende Erfolgsfaktoren. Doch hochoptimierte Strukturen haben sich in den vergangenen Jahren vielfach als anfällig erwiesen. Unternehmen setzen deshalb verstärkt auf Szenarioanalysen, finanzielle Puffer und flexiblere Organisationsstrukturen. Ziel ist es, schneller auf Nachfrageeinbrüche, Lieferkettenstörungen oder Preisschocks reagieren zu können. Insbesondere Liquidität gewinnt als strategisches Instrument an Bedeutung. Rücklagen schaffen Handlungsspielräume in unsicheren Zeiten und ermöglichen Investitionen, während andere Unternehmen unter Druck geraten. Gleichzeitig versuchen viele Mittelständler, Abhängigkeiten von einzelnen Kunden, Märkten oder Lieferanten zu reduzieren. Auch Lieferketten werden neu bewertet: Versorgungssicherheit und regionale Alternativen gewinnen gegenüber dem niedrigsten Preis an Gewicht. Wie Markt & Mittelstand berichtet, setzen resiliente Unternehmen verstärkt auf breiter qualifizierte Mitarbeiter, interdisziplinäre Teams und kleinere Pilotprojekte statt langfristiger Großplanungen. Offenheit, Eigenverantwortung und eine konstruktive Fehlerkultur gelten dabei zunehmend als entscheidende Voraussetzungen, um sich schneller an veränderte Rahmenbedingungen anpassen zu können.
